Soll ja keiner behaupten, dass in Kronstorf nichts los wäre. Ein kleiner Blick auf das Kapitel “Kultur” der ortseigenen Website enthüllt, dass immerhin eine Kegelrunde, ein Zigarrenclub, ein Kulturverein, eine Faschingsgilde, das Jugendorchester Young Spirit, eine Galerie, die örtliche Jagdgesellschaft und sogar eine Goldhaubengruppe das Leben der 3.148 in diesem oberösterreichischen Flecken wohnhaften Seelen bereichern. Keine Erwähnung finden allerdings die Seppdember Studios des Sepp Haidenthaler, wo nach Velojets namenlosem Debüt vor zwei Jahren nun auch „This Quiet Town“, das zweite Album der vielleicht aufregendsten österreichischen Popband der Gegenwart entstanden ist. Der Titel ist übrigens nicht nur als Anspielung auf Kronstorf, sondern auch auf Steyr, die nahe gelegene pittoreske Heimatstadt der Band zu verstehen.
Die Smalltown ist wohl ein ebenso klassisches Thema eskapistischer Pop-Träume wie die Entdeckung der glitzernden Großstadt (inklusive der unvermeidlichen Desillusionierung), und in „This Quiet Town“ ist gleich beides drin. Wie heißt es so schön in „Stay Don’t Walk Away“: „We gotta find out what it’s worth.“
Der schiere optimistische Enthusiasmus dieser letzten Zeilen hallt noch in den Ohren wider, da kontert schon die melancholische Einleitung von „Waiting For A Long Time“ mit einem Blick auf die rostige Unterseite der Medaille: „It’s easy to get lost in here.“
Wie David Thomas von Pere Ubu so gern und richtig sagt, ist Rock’n’Roll vor allem eine Sache der Geographie, und in dieser Hinsicht hat sich im Leben von Velojet seit ihren Anfängen einiges getan. Mittlerweile sind sie nicht bloß eine der am weitesten gereisten österreichischen Bands mit einem Logbuch voller deutscher, niederländischer und britischer Städtenamen. Da gilt es auch noch den Umstand zu meistern, dass Bassistin Marlene Lacherstorfer, Tastenspielerin Irene Grabherr und Schlagzeuger Michael Flatz seit einiger Zeit in Wien leben - während Sänger, Gitarrist und Songschreiber René Mühlberger weiterhin zwischen Wien und Steyr pendelt.
Der Einfluss all dieser zurückgelegten Kilometer auf ein Album, das zwischen Sommer 2006 und Frühjahr 2007 in unzähligen Wochenend-Sessions zustande kam, ist tatsächlich unüberhörbar – sowohl im flüssigen, fallweise geradezu funkigen Zusammenspiel der Band, als auch in Mühlbergers bilderreichen Texten:
„When I get home, the garage door is always closed, and I wonder if I still live here in this house or on this planet“ (Garage Door)
Wenn eine unverbesserliche (weil’s an ihnen schließlich auch nichts zu verbessern gäbe) Popband wie Velojet, die bisher in ihrem melodiösen Überschwang einfach alles auf die leichte Schulter zu nehmen schien, plötzlich Platz für solch schwermütige Beobachtungen findet, dann tut sie das jedenfalls immer noch in Form strahlender Refrains, gelegentlich disco-tauglicher, dann wieder rüpelhaft rockender Beats und euphorischer Harmonien, siehe etwa die all das auf wundersame Weise vereinende, Funken sprühende erste Single-Auskopplung „I Follow My Heart“.
Aber selbst dort, wo Velojet – wie zum Beispiel im elegischen „Hidden Track“ oder dem zwischen chansonesken Anklängen und wütenden Grunge-Riffs alternierenden, humpelnden Walzer „I’m So Hungry“ - bisher noch nie gehörte Abstecher in Richtung Ballade wagen, siegt am Ende der instinktive Drang zum Popsong.
Natürlich wäre es angenehmer gewesen, wenn Velojet ihr zweites Album ganz ohne traumatische Momente,
Phasen des Stillstands und Zerwürfnisse zustande gebracht hätten. Schließlich haben sie sich in den letzten zwei Jahren eine loyale Fangemeinde von Kids herangezüchtet, die nie im Leben an ihrer Band gezweifelt hätten (und die Kids haben bekanntlich immer recht), während gleichzeitig irgendwo draußen in der Stille von Kronstorf Frontmann René Mühlberger schon drauf und dran war, das ganze Album per Mausklick zu vernichten. Aber vielleicht muss man eben hie und da eine zeitlang den Kopf unter Wasser halten, um mit einem Song wie „Head Under Water“ wieder aufzutauchen.
„The world’s still in our hands, there’s no need to make amends“, singt René. Eine weise Einsicht, zu der er nicht gerade per Luftlinie gelangte. Aber manchmal sind die Umwege eben weitaus interessanter...
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Hei integriert das Video doch in dieser Seite und ich will den Fussboden eures PHotos!
greez